Einander schmecken: Sperma, Vaginalsekret und das Gespräch, das niemand führt
Von allem, was Paare miteinander tun, ist Geschmack vermutlich das Thema, über das die wenigsten je einen Satz gesagt haben. Die eine Person findet es richtig erregend und erwähnt es nie. Die andere findet es unangenehm und hält es jahrelang still aus, weil sie annimmt, das gehöre eben dazu. Beides ist ausgesprochen häufig, und beides hat denselben Ursprung: Es hat nie jemand gefragt.
Warum es hier mehr Worte braucht als fast überall sonst
Die meisten Vorlieben im Bett verraten sich irgendwie. Jemand macht einen Rücken hohl, verschiebt eure Hand, wird leiser oder lauter. Geschmack tut das nicht. Er passiert stumm im Mund einer Person, und es gibt kein Gesicht, das man dafür zuverlässig lesen könnte. Also wird die Annahme, die ihr vor drei Jahren getroffen habt, nie korrigiert.
Das Gespräch muss deshalb bewusst gesucht werden. Feierlich muss es nicht sein – ein paar ehrliche Fragen, am besten angezogen:
- „Magst du daran irgendetwas, oder machst du es, weil ich es mag?“ Beide Antworten sind in Ordnung. Etwas für die Lust des anderen zu tun, ist ein echter Grund. Es sollte nur kein Geheimnis sein.
- „Würdest du es mir sagen, wenn du es nicht mögen würdest?“ Das ist die wichtigere Frage. Wenn die ehrliche Antwort „eher nicht“ lautet, ist das wichtiger als alles andere.
- „Gibt es eine Variante, die dir lieber wäre?“ Woanders kommen, ein Handtuch in Reichweite, am Ende zur Hand wechseln – das meiste Unbehagen hier löst eine kleine praktische Änderung, keine große Entscheidung.
Wenn ihr das Thema nicht aus dem Stand aufmachen wollt, ist ein gemeinsamer Impuls oder eine verspielte Frage oft ein leichterer Einstieg als ein ernstes Gespräch. Und es ist völlig okay, all das am Morgen danach zu sagen statt mittendrin.
Der Alltagsfall ist schlicht Oralverkehr
An diesem Thema ist nichts Exotisches. Für die meisten Paare heißt „einander schmecken“ Oralverkehr und danach küssen – das ist das ganze Gebiet. Wenn eure Neugier dort liegt, stehen die praktischen Details in unseren beiden Leitfäden: Oralverkehr bei einem Partner mit Penis und Oralverkehr bei einem Partner mit Vulva.
Was wirklich riskant ist – und was nicht
Das ist der Teil, den Menschen suchen und kaum finden. Die Aidshilfe Konstanz schreibt es klar auf ihrer Seite zu Safer Sex und Oralverkehr: Oralverkehr birgt durch Sperma oder Vaginalsekret kein hohes HIV-Risiko.
Das ist eine echte Entlastung – und sie gilt speziell für HIV. Sie bedeutet nicht, dass Oralverkehr risikofrei wäre. Gonorrhoe, Chlamydien, Syphilis, Herpes und HPV werden beim Oralverkehr sehr wohl übertragen, in beide Richtungen und im Rachen oft ganz ohne Symptome. „Geringes HIV-Risiko“ und „sicher“ sind nicht derselbe Satz.
Auch die Entwarnung hat einen Kontext: zwei Menschen, die exklusiv zusammen sind, die beide getestet sind und den Status des anderen kennen. Wenn das bei euch nicht der Fall ist, sind Kondome und Lecktücher das, was die Rechnung verändert – nichts anderes auf dieser Seite tut das.
Beim Menstruationsblut lohnt etwas mehr Sorgfalt, als das Internet sie üblicherweise aufbringt. Blut trägt eine höhere Viruslast als Vaginalsekret, das Risiko bleibt also nicht identisch. Es ist weiterhin gering, aber wenn der HIV-Status nicht auf beiden Seiten bekannt ist, ist ein Lecktuch die vorsichtige Wahl. Gleichzeitig gehen viele Paare völlig entspannt mit Sex während der Periode um und haben allen Grund dazu – es geht hier um bekannten Status, nicht um Ekel.
Urin, beim Namen genannt
Am äußeren Ende der Bandbreite steht Urin – der Natursekt oder „Golden Shower“. Manche Paare genießen das wirklich, und meist geht es dabei weniger um die Flüssigkeit als um die Entblößung: sich derart ungeschützt zu zeigen oder damit betraut zu werden.
Urin ist entgegen der verbreiteten Annahme nicht steril, behandelt ihn also als risikoarm, nicht als risikofrei: nicht in die Augen, nicht auf verletzte Haut, und nicht in den Mund, wenn einer von euch einen Harnwegsinfekt hat – beim Schlucken sitzt das bisschen Risiko, das es gibt. Praktisch ist das eine Sache für Dusche oder Badewanne, und es wird deutlich leichter, wenn ihr vorher vereinbart, wo am Körper es willkommen ist.
Geschmack, Ernährung und die Sache mit der Ananas
Ihr habt gehört, dass Ananassaft Sperma süßer schmecken lässt. Das ist Folklore. Es wird überall wiederholt, und die tatsächliche Beleglage dafür ist dünn – niemand hat das so belegt, dass ihr darauf planen solltet. Dasselbe gilt für die umgekehrten Behauptungen zu Spargel, Kaffee, Knoblauch, Alkohol und Rauchen: plausibel, viel berichtet, nicht nachgewiesen.
Was mehr bewirkt als all das, ist unglamourös. Allgemeine Hygiene, genug trinken und vorher duschen verschieben den Geschmack zuverlässiger als jedes Lebensmittel. Darüber hinaus schmeckt es, wie es eben schmeckt, und das ändert sich über den Zyklus, über den Tag und von Mensch zu Mensch.
„Danke, nein“ ist eine vollständige Antwort
Wenn eure ehrliche Reaktion auf all das Nein lautet, ist das keine Lücke, die geschlossen werden müsste. Niemand sollte irgendetwas davon wollen, und ein Paar, das dieses Thema auslässt, verpasst keine Stufe. In der ForePlay-App könnt ihr so etwas als Tabu markieren, damit es gar nicht erst auftaucht – dasselbe, was ihr auch laut sagen könnt.
Und ein Ja von letztem Monat ist kein Dauer-Ja. Jeder von euch darf mittendrin die Meinung ändern, und das ist keine Zurückweisung der anderen Person.
Wertvoll ist am Ende nicht der Akt. Wertvoll ist der Satz, nach dem keiner von euch beiden mehr raten muss.